LESEPROBE

Wie ungewohnt diese Stille hier ist, dachte der Mann, während er sich langsam durch die riesige Halle bewegte. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe immer wieder um sich. Obwohl er sie eigentlich nicht gebraucht hätte. Die Straßenlaternen, von denen das Gebäude umgeben war, warfen ein zwar schummriges aber dennoch zur Orientierung ausreichendes Licht durch die Fenster, die zur Nordseite hin gelegen waren.

Die Lichtkegel des auf der B14 stadtein- und -auswärts fliesenden Verkehrs, huschten wie kleine Gespenster über die gekachelten Wände.

So still, dachte er erneut. Normalerweise klappert, scheppert, dröhnt und klirrt es hier...

Ein lautes Klirren durchbrach jäh die außergewöhnliche Ruhe, die lediglich von den Verkehrsgeräuschen, die es durch die Mauern schafften, dumpf unterlaufen wurde.

 

Der Herzschlag des Mannes, der für einen kurzen Moment ausgesetzt hatte, beschleunigte sich, während der Nachhall noch zwischen den Wänden hin und her, direkt auf ihn zu zuspringen schien.

 

Der Mann war wie erstarrt. Das eine Bein vor dem anderen. Eigentlich bereit dazu, den nächsten zögerlichen Schritt zu tun. Aber nichts ging mehr. Der gedämpfte Verkehrslärm erschien ihm auf einmal wie lautes Gebrüll. Das Blut rauschte in seinen Ohren.

Plötzlich spürte er, dass er nicht allein in der Halle war. Und er wusste unmittelbar, dass ihm Gefahr drohte. Von hinten.

Lauf!, schrie seine innere Stimme. Lauf doch endlich! Aber es half nichts. Seine Beine schienen wie gelähmt zu sein. Er konnte sich einfach nicht bewegen. So sehr er es auch wollte. Er registrierte noch den leichten Luftzug im Nacken. Dann wurde er getroffen und verlor das Bewusstsein.

 

Als er zu sich kam, hörte er als erstes das laute Rasseln.

Er öffnete langsam die Augen. Sein Kopf dröhnte und fühlte sich an, als würde er jede Sekunde in tausend Teile zerbersten. Außerdem schwankte die Welt.

Plötzlich realisierte er, dass seine Fußknöchel von etwas fest umschlossen und seine Arme am Körper fixiert waren und – dass er verkehrt herum von der Decke baumelte. Die Schmerzen waren fast unerträglich, als er den Kopf in den Nacken zog um erkennen zu können, was direkt unter ihm war. Den Geruch hatte er schon bemerkt. Und dann, als es in der Halle wieder für einen kurzen Moment heller wurde, sah er ihn: Diesen kleinen, dunklen, kreisrunden See, der irgendwie über dem Boden zu schweben schien.

Abrupt setzte das Rasseln wieder ein. Der See kam näher und näher. Instinktiv zog er nun das Kinn zur Brust, doch es nützte nichts.

Er spürte, wie seine Schädeldecke die zähe Flüssigkeit berührte. Reflexartig kniff er seine Augen zusammen um sie zu schützen.

Seine Gedanken schossen wie Blitze durch sein Gehirn. Er konnte sie nicht festhalten, nicht ordnen, nicht einsortieren. Allerdings hatte er gleichzeitig das Gefühl, dass es nun langsamer abwärts ging.

Plötzlich fühlte er einen leichten Ruck an seinen Knöcheln.

Dann war es still.

Obwohl der obere Teil des Kopfes, die Spitzen seiner Ohren und seine Brauen bereits in der Flüssigkeit waren, keimte ein kleines Fünkchen Hoffnung in ihm auf.

Als er jedoch die Stimme hörte und vernahm, was sie sagte, wusste er, dass er verloren war.